Fundstücke und die Macht des Archivs – der Nachlass von Hans Bogatzky

Archive und Museen dienen gewissermaßen als Gedächtnis einer Gesellschaft. Sie sammeln, ordnen und erhalten Zeugnisse vergangener Zeiten, um Wissen zugänglich zu machen und Geschichte erfahrbar werden zu lassen. Überraschenderweise sind es nicht immer die großen oder bekannten Objekte, welche die besonderen Geschichten erzählen. Oft sind es die kleinen, unscheinbaren Dinge, die einmal entdeckt neue Perspektiven eröffnen, wenn man bereit ist, genauer hinzusehen. Und genau solch eine Entdeckung verbarg sich in einer unscheinbaren Archivkiste des Museumsverbundes Mönchgut-Granitz. 

Auf der Suche nach alten Innenansichten vom Heimatmuseum in Göhren rückte ein Karton mit der Beschriftung „Nachlass Hans Erich Bogatzky (Architekt) – Mönchgut“ ins Blickfeld. Der Name löste etwas aus und weckte die Neugier, mehr über diesen Bestand zu erfahren. Der Name Hans Bogatzky war vertraut, ohne dass zunächst klar war, woher diese Vertrautheit rührte. Erst die Recherche zeigte, wie eng sein Name mit signifikanten Gebäuden unserer Hauptstadt Berlin verbunden war. Auch die Ergänzung „Mönchgut“ schien kein Zufall zu sein. Dass Teile seines Nachlasses dem Museum übergeben worden waren, legte nahe, dass eine besondere Verbindung zur Region bestanden haben musste.

Ein erster Online-Check zeigte, dass der Berliner Hans Erich Bogatzky (1927–2009) zu den prägenden Innenarchitekten der DDR gehörte. Nach seiner Ausbildung an der Meisterschule für Tischler und Innenarchitektur in Berlin war er an zahlreichen bedeutenden Bauprojekten beteiligt. Dazu gehörten unter anderem der Innenausbau des Alten Museums auf der Berliner Museumsinsel, die Gestaltung des Staatsratsgebäudes sowie die Innenausstattung des ehemaligen „Hotels Stadt Berlin“ am Alexanderplatz (heute Park Inn). Gemeinsam mit dem Architekten Roland Korn und weiteren Kollegen prägte er damit einige der markantesten Bauten der Ost-Berliner Nachkriegsmoderne. Besonders markant und noch heute zu betrachten war das Staatsratsgebäude mit dem eingesetzten Portal des Stadtschosses, dem Portal, von dessen Balkon Karl Liebknecht 1918 die sozialistische Republik ausgerufen haben soll. Ein aufgeladenes Gebäude, das für den jungen Staat geschichtliche Kontinuität und Anerkennung ausstrahlen sollte. Aber als ein Ort staatlicher Repräsentation musste es auch zeitgemäß und großzügig gestaltet sein. Die klare Architektur im Stahlskelettbau entsprach diesem Anspruch: weitläufige Räume, eine monumentale Treppe und große, nüchtern gestaltete Säle boten den passenden Rahmen für Empfänge und Staatsgäste. Eine zurückhaltende Möblierung mit der Konzentration auf hochwertige Materialien ließ die Räume selbst wirken und verlieh ihnen die Würde, welche die DDR nach außen vermitteln wollte.

Abbildung vom Staatsratsgebäude außen
Zentralbild Quaschinskyinsky-Qua-At.-1.10.1964 Der Amtssitz des Staatsrates. Am 3.Oktober 1964 wird der neue Amtssitz des Staatsrates am Marx-Engels-Platz in Berlin durch den Vorsitzenden des Staatsrates Walter Ulbricht übernommen.Das neue Gebäude demonstriert in seiner modernen und zweckmäßigen Ausführung den Leistungsstand der Republik auf diesem Gebiet.UBz: Die Wandelhalle im 2.Stock des Gebäudes.Von hier aus sind der Festsaal und der Bankettsaal zu betreten.

Abbildungen:  Axel Mauruszat – Eigenes Werk, CC BY 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7917732 und Bundesarchiv – Bild 183-C1001-0001-006 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5361355

Mit diesem Wissen um die Bedeutung von Hans Bogatzky, drängt sich natürlich die Frage auf, wie der Nachlass von jemandem, der die großen Staats- und Prestigebauten Ost-Berlins mitgestaltet hatte, nach Rügen kam?  

Erste Hinweise, dass es für Hans Bogatzky einen familiären Bezug zur Insel Rügen geben musste, stelle das Online abrufbare Verzeichnis von DDR-Künstlern auf der Insel Rügen dar. Darin wird neben Hans Bogatzky auch ein August Bogatzky aufgeführt, der 1950 in Bergen verstorben war. Dieser Hinweis scheint die Vermutung einer familiären Verbindung zur Insel zu bestätigen. Ein Blick in den Archivkarton brachte schließlich weitere Spuren zutage.  Offensichtlich war Hans Bogatzky ein passionierter Hobby-Maler und Fotograf, die vielen beschrifteten Schachteln von Fotopapier der DDR-Marke ORWO zeugten jedenfalls davon.

aquarellierte Federzeichnung von Hans Bogatzky: Am Fischerstrand von Lobbe

Augenscheinlich waren sein malerisches wie auch fotografisches Sujet die einzigartigen Landschaften und historischen Gebäude auf Mönchgut. In Schutzhüllen gesichert, befanden sich auch einige schreibmaschinengeschriebene Dokumente in der Archivkiste. Nach dem Studium dieser Unterlagen lässt sich feststellen, dass Hans Bogatzky in den späten 80er Jahren einige Ausstellungen zusammen mit Ruth Bahls, unserer Museumsgründerin plante. So fand vom 27. April 1986 bis 15. September eine Ausstellung von 33 Aquarellen in einem Raum des Heimatmuseums statt. Eine Vergütung sowie der Verkauf der Arbeiten waren allerdings nicht vorgesehen. 

Abbildung der Ausstellung: Ein Architekt malt auf Mönchgut – Aquarelle aus 4 Jahrzehnten von Hans Bogatzky

Eine von Ruth Bahls unterschriebene Bescheinigung aus dem Jahr 1989, sowie diverse Auflistungen von Fotografien bestätigen, dass Hans Bogatzky, nebenberuflich für das Mönchguter Museum tätig war und historisch wertvolle Fotografien erstellte und für diese entlohnt wurde. Aus weiteren Dokumenten geht hervor, dass 1986 fünf Aquarelle und Zeichnungen vom Rat des Kreises Rügen als Eigentum für das Museum gekauft und die Inventarisierung angeordnet wurde. Mit diesem entscheidenden Hinweis im Kopf wurden die Zeichnungen entdeckt. Irrtümlicherweise trägt die Archivierungsbox nur den Namen Erich Bogatzky. Darin enthalten sind noch weitere Arbeiten des Künstlers. Offensichtlich hatte er in den 90er Jahren noch einige Ausstellungen auf der Insel, die seine Impressionen der Mönchguter Dörfer zeigten. Im Hinblick darauf, wie sich die Insel im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, ist ein derart dokumentarischer Ansatz wie Hans Bogatzky ihn durch seine künstlerische Arbeit verfolgte, wirklich historisch wertvoll. Früheste Arbeiten gehen auf 1947 zurück. Und wie ein für die Ausstellung im Sommer 1986 selbst erstellte Lebenslauf Auskunft gibt, wurde die Mutter von Hans Bogatzky, Hermine Looks in Göhren geboren. Als Kind und Jugendlicher verbrachte er die jährlichen Ferien im Haus Nordstern in Göhren. Und der eingangs erwähnte August Bogatzky, der in Bergen lebte, war ein Onkel väterlicherseits, der Hans Bogatzky auch im Zeichnen lehrte. Bevor er sein Studium im November 1945 in Berlin aufnahm, war er nach eigenen Angaben als Holzfäller, Strandkorbvermieter und Amateur-Maler in Göhren tätig. Auch als erwachsener Mann verbrachte er seinen Urlaub mit der eigenen Familie immer wieder auf Rügen, da er:“ in all den Jahren verliebt in die kleine meerumspülte Welt des Mönchguts mit seinen Stränden, Feldern, Wäldern und Fischer-Bauern-Dörfer…“ war. 

Archivfoto Bild vom Fund

Schlussfolgern lässt sich, dass Bogatzkys Arbeiten nicht nur zufällig im Nachlass gelandet sind, sondern bereits zu DDR-Zeiten bewusst Teil der Sammlung wurden. Aus dem Berliner Innenarchitekten, der an den großen Repräsentationsbauten der DDR mitwirkte, wird so zugleich der Mann sichtbar, der über Jahrzehnte immer wieder nach Mönchgut zurückkehrte, malte, fotografierte und seine Eindrücke dem Heimatmuseum Göhren überließ.

Quellen: 

Archiv des Museumsverbundes Mönchgut-Granitz, Nachlass Hans Erich Bogatzky (Architekt) – Mönchgut: 

  • Unterlagen zur Ausstellung „Ein Architekt malt auf Mönchgut – Aquarelle aus 4 Jahrzehnten“, Heimatmuseum Göhren, 27. April–15. September 1986. 
  • Bescheinigung von Ruth Bahls über die nebenberufliche Tätigkeit Hans Bogatzkys für das Mönchguter Museum, 1989.   Auflistungen der von Hans Bogatzky angefertigten Fotografien. 
  • Unterlagen zum Ankauf von fünf Aquarellen und Zeichnungen durch den Rat des Kreises Rügen für das Museum, 1986. 

Literatur und Onlinequellen: 

Katrin Eigenfeld und Sibylle Berger: DDR Maler Lexikon: Hans E. Bogatzky, unter;  https://insularugia.de/ddr-maler-auf-den-inseln/, Stand: 19. 08. 2026. 

o.A. Dezente-interieurs. Hans Bogatzky, in: taz am Wochenende 07. 09. 2002, unter: https://taz.de/dezente-interieurs/!1090156, Stand: 31. Juli 2026. 

H. Wolfgang Hoffmann: Das Schloß des Herrn Jedermann, in: taz am Wochenende 07.06.1997, unter: https://taz.de/Das-Schloss-des-Herrn-Jedermann/!1397573/, Stand: 31. Juli 2026.