Lost Places – Über diesen Pseudoanglizismus ist man vielleicht schon öfter gestolpert, denn er umschreibt einen sogenannten „vergessenen Ort“. Oft handelt es sich hierbei um Bauwerke jüngerer Geschichte, die im kollektiven Gedächtnis einer Gemeinschaft häufig negativ konnotiert und daher in Vergessenheit geraten sind. Dazu zählen etwa Nervenkliniken, Militäranlagen, Fabriken, Kinderheime oder Gebäude, deren Geschichte mit politischen Systemwechseln verbunden ist.
Das Auffinden und die Beschäftigung mit diesen Orten werden oft mit moderner Schatzsuche gleichgesetzt. Die Möglichkeit, selbst auf Entdeckungs- und Spurensuche zu gehen, macht sicherlich einen Teil des Reizes aus, Geschichte zu rekonstruieren und individuell zu erfahren. Zugleich ist dies eine sehr lebendige Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Regional- und Heimatgeschichte. Dennoch ist das Betreten solcher in Vergessenheit geratener Orte aufgrund maroder Bausubstanz nicht ungefährlich. Außerdem kann ein unerlaubtes Betreten auch rechtliche Folgen haben, da es sich meistens um Privatgrundstücke handelt.

Foto: Weg zum Strand heute mit den Überbleibseln des Appell-Platzes, 2026
Verlassene Feriendörfer bei Göhren
Das Ferienlager zwischen Göhren und Lobbe kann als ein solcher Lost Place bezeichnet werden – obwohl heute von der Anlage noch kaum etwas zu sehen ist. Mit einer Fläche von 17.000 Quadratmetern war es nicht nur flächenmäßig eines der größten Ferienlager der DDR, sondern es bot auch etwa 800 Kindern Platz in den Sommerferien. Errichtet wurde es 1951 vom Fischfang Kombinat Sassnitz am Südstrand bei Göhren für die Kinder der eigenen Betriebsangehörigen. Viele größere Betriebe der DDR hatten für die Kinder ihrer Betriebsangehörigen in den Urlaubsgegenden der Republik Ferienlager eingerichtet. Sie finanzierten das Sommervergnügen und sorgten auch für die Betreuung der Kinder. Entweder verpflichteten die Betriebe Erzieher und Pionierleiter oder sie stellten Betriebsangehörige als Betreuungspersonal ab. Das Ferienlager des VEB Fischfang Sassnitz wurde aber auch bis 1989 als eines der insgesamt 49 Pionierferienlager der DDR genutzt.

Postkarte: Zentrales Pionierferienlager Etkar André, 1989
Das Ferienlager aus historischer Sicht
Entgegen dem landläufigen Glauben, Ferienlager seien eine sozialistische Erfindung, geht die Tradition des Ferienlagers oder sogenannten Summer Camps bis in das 19. Jahrhundert zurück. Der Schweizer Pfarrer Walther Bion gründete 1876 in Appenzell die erste Ferienkolonie für erholungsbedürftige Stadtkinder. Per Definition ist ein Ferienlager ein Oberbegriff für Ferienveranstaltungen der Jugendarbeit, die als Gruppenfahrten stattfinden. Ferienlager können als Zeltlager, in Jugendherbergen oder Unterkünften der Selbstversorgung durchgeführt werden. Als verbindendes Element des Gruppenerlebnisses zählen meist sportliche Aktivitäten und Naturerkundungen. Besondere Tradition haben Ferienlager bei christlichen Organisationen, die neben der reinen Freizeitgestaltung auch Wert auf die Vermittlung christlicher Glaubensinhalte legen.
Ferienlager in der DDR knüpften an diese Tradition an, indem die sozialistische Erziehungsarbeit auch außerhalb der Schule fortgeführt werden sollte. Mit gemeinschaftlichen Ritualen, Fahnenappellen und sportlichen Aktivitäten waren sie zugleich ein Instrument staatlicher Jugendorganisation und Erziehung. Dabei muss zwischen Betriebslagern und Pionierferienlagern unterschieden werden. Die Teilnahme am Pionierlager war nur über Delegierung möglich und an Voraussetzungen wie herausragende schulische Leistungen oder gesellschaftliche Aktivitäten geknüpft. Sie war damit auch als Auszeichnung zu verstehen. Traditionell bekamen Pionierferienlager in der DDR den Ehrennamen eines verdienten Kommunisten. In Göhren wurde die Einrichtung nach Etkar André benannt. Dieser war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands und gehörte zu dem engsten politischen Kreis des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Nach der Machtergreifung der NSDAP wurde er als Widerstandskämpfer wegen Hochverrats 1933 verhaftet und 1936 hingerichtet.
Das Pionierferienlager in Göhren wurde auch als internationales Ferienlager geführt. Das hieß, nicht nur Kinder aus der DDR verbrachten hier ihre Ferien, sondern auch viele aus den sozialistischen Nachbarländern. Im Wettstreit der Systeme nutzte die DDR die Ferienaktion auch propagandistisch. Am 6. Mai 1954 veröffentlichten die Tageszeitungen in der DDR einen Aufruf an alle westdeutschen Eltern, Lehrer und Kinder, mit dem die Kinder der Bundesrepublik zu Ferienaufenthalten in der DDR eingeladen werden. Die Kosten sind gering, wer bedürftig ist, muss nichts bezahlen. Zwischen 1954 und 1960 wurden Sonderzüge zwischen West- und Ostdeutschland eingerichtet. Denn die Versorgungslage ist in Westdeutschland noch schwierig, die Luft im Ruhrgebiet schlecht und die Erholung für Kinder auch in Westdeutschland ein wichtiger Aspekt sozialer Arbeit. 1954 reisten über 20.000 Kinder und 1955 schon 50.000 Kinder mit dem Sonderzug in die DDR. Die Verschickung der Kinder war zwar nicht illegal, aber dennoch nicht gern gesehen. Antikommunismus ist damals Hauptstoßrichtung der bundesdeutschen Politik: Nutznießer der Ferienaktion werden ausgegrenzt und Politiker warnen vor den kommunistischen Erziehungseinflüssen „und beschreiben die Ferienaktion als „Gift für die Kinderseelen“. Am 7. Juli 1961 wurde die Ferienaktion dann durch die Innenminister des Bundes und der Länder verboten.
Westdeutsche Kinder, die damals an der Ferienaktion teilnahmen, erinnern sich zwar an die täglichen Fahnenappelle, darüber hinaus seien die Ferienlager aber eher unpolitisch gewesen. Von der Teilnahme an den Freizeitangeboten zeugen die Sportabzeichen oder das ein oder andere mitgebrachte Pionier-Halstuch. Auch ehemalige ostdeutsche Teilnehmer empfinden die sportlichen Wettkämpfe, Nachtwanderungen durch den Wald mit Lagerfeuer nicht als militärische Übung, sondern blicken auf eine Jugend zurück, bei denen Badespaß, Disko- und Kinoabende sowie die erste Romanze frohe Erinnerungen wecken.
Wie unterschiedlich diese Erfahrungen heute bewertet werden, zeigt sich auch in den Diskussionen über die DDR-Erinnerung. Während die einen auf Vorteile des sozialistischen Alltags wie die organisierte Kinderbetreuung verweisen, erinnern andere an die Mangelwirtschaft und politische Verfolgung. Somit bewegt sich die Erinnerung an Ferienlager wie das in Göhren im Spannungsfeld zwischen persönlicher Kindheitserinnerung und der politischen Geschichte eines Ortes.


Fotografien: Das Ferienlager beim Ortsrundgang 1991
Das Ferienlager in Göhren wurde nach der Wiedervereinigung geschlossen. Die Gebäude blieben in den 1990er-Jahren ungenutzt und verfielen. Das Grundstück hingegen blieb aufgrund seiner Lage am Südstrand begehrt und wurde 2015 zum Teil versteigert. Das riesige Gebiet am Südstrand ist nach dem Flächennutzungsplan der Gemeinde Göhren als Sondergebiet „Kliniken“ ausgewiesen. Wer heute zwischen dem Gesundheitsressort Santé Royale und der Reha-Klinik den Weg zum Strand einschlägt, kann unter dem Grün noch einen Weg entdecken. Die scheinbar willkürlichen Gehwegplatten ergeben eine nahezu kreisrunde Anlage, die früher der Appellplatz war. Ausgerechnet der ehemalige Appellplatz, der als eindeutiges Instrument der staatlichen Jugenderziehung gedient hatte, hat die Zeit überdauert.

Fotografie: Auch alte Straßenlaternen stehen noch mitten im Grün, 2026
Wer mehr über die verschiedenen Urlaubsarten in der DDR erfahren möchte oder einen Erlebnisbericht aus den Lagern-Chroniken des Ferienlagers der Abteilung Volksbildung Rügen von 1986 nachlesen möchte, sollte in unserem Buch Rügen, Strand und Sonnenbrand – Erinnerungen an den Ostsee-Urlaub Rügen schmökern.
Das Buch findet ihr hier im Shop:https://ruegen-museen.de/produkt/buch-ruegen-strand-und-sonnenbrand/
Quellen:
Sorgenfreier Sommer. Als Westkind im Ostferienlager, unter: https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/reisen-freizeit/westkinder-in-ostferienlager-kinderferienlager-sommerferien-mdr-100.html, Stand: 18.09.2026.
„Große Ferien“ in der DDR. Feriengestaltung für Kinder und Jugendliche, unter: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/geschichtsgalerien/grosse-ferien-in-der-ddr/, Stand: 17.09.2026.
Gerit Herold: Ex-Pionierlager in Göhren heiß begehrt. Ein Teil des ehemaligen Ferienparks am Südstrand kommt unter den Hammer, Ostseezeitung 2015.
Museumsgesellschaft Mönchgut-Granitz (Hrsg.): Rügen, Strand und Sonnenbrand – Erinnerungen an den Ostsee-Urlaub Rügen, April 2025.
Luftbildaufnahme Südstrand Göhren, unter: https://www.geoportal-mv.de/portal/Geodatenviewer/GAIA-MVlight?0344df01=101&v=329459.4406435205y5963717.881167295r93.69304773298192, Stand 18.09.2026.
