Auf Spurensuche - der Maler Tom Beyer in Göhren

Wer das Heimatmuseum Göhren besucht, dem fällt unweigerlich das blaue Zimmer mit der Petersburger Hängung ins Auge. Hier zeigen wir den Besuchern Werke von Künstler:innen, die auf besondere Weise mit Mönchgut verbunden sind. Wer mitzählt, dem fällt auf, dass allein elf Gemälde von Tom Beyer in der Ausstellung präsentiert sind. Die starke Präsenz des Malers wirft bei manchen Besuchern wahrscheinlich die Frage nach dem Warum auf. Die Antwort liegt nicht nur in der künstlerischen Qualität seiner Arbeiten, sondern auch in seiner besonderen Bedeutung für Göhren.

Tom Beyer (1907–1981) kam das erste Mal 1935 nach Göhren und machte die Halbinsel Mönchgut zu seiner künstlerischen Heimat. Im sogenannten „Drachenhaus“ nahe dem Nordperd lebte und arbeitete er viele Jahre. Die Küstenlandschaft, das Meer, die Fischer und die Menschen des Mönchguts wurden zu den zentralen Motiven seines Schaffens. Seine Malerei lässt sich als expressionistisch geprägter Realismus beschreiben. Kräftige Farben, ein energischer Pinselstrich und die vereinfachte Darstellung von Formen verleihen seinen Bildern eine besondere Ausdruckskraft. Die Motivwelt seiner Bilder ist geprägt von Landschaft, den Menschen und dem Leben an der Küste.  Dabei ging es Beyer weniger um die genaue Wiedergabe der Wirklichkeit als um die Atmosphäre der Landschaft und das Leben der Menschen, die sie prägten.

Tom Beyer war aber weit mehr als nur ein Maler. 1931 trat er in Berlin der KPD bei und erhielt während der Zeit des Nationalsozialismus auch ein Ausstellungsverbot. Im Zuge der Diffamierung der künstlerischen Avantgarde als „jüdisch-Bolschewistisch“ wurde vielen Künstlern ein Ausstellungsverbot erteilt. Mit propagandistischen Bezeichnungen wurden Vorbehalte gegen die moderne Kunst gezielt verbreitet und gleichzeitig antisemitische und antikommunistische Ressentiments geschürt, die in der berühmten Wanderausstellung „Entartete Kunst““ und der Vernichtung vieler moderner Werke ihren traurigen Höhepunkt fand. 

Im Kontext der politischen Repressionen der NS-Zeit ließ sich Tom Beyer 1935 in Göhren nieder. Der Zweite Weltkrieg unterbrach seine künstlerische Arbeit und Beyer wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Nach Kriegsende kehrte er nach Göhren zurück und übernahm Verantwortung für den Ort und wurde zweiter Bürgermeister von Göhren. Außerdem war er Vorstandsmitglied der KPD und Arbeitsgebietssekretär der SED. In einer Zeit des Neuanfangs engagierte er sich für den Wiederaufbau des Gemeinwesens und das kulturelle Leben der Region.  1947 beginnt die künstlerische Arbeit und Bildung eines Zirkels in der Stralsunder Volkswerft. 1949 wurde er kommissarischer Leiter der Landeskunstschule Mecklenburg-Vorpommern im Schloss Putbus und ab 1950 Landesvorsitzender des Verbandes Bildender Künstler der DDR.

1952 zog Tom Beyer nach Stralsund, wo er im selben Jahr Lieselotte Pelzner heiratete, mit der er 1952 einen Sohn, Peter Beyer, bekam. Fortan war Göhren sein Zweitwohnsitz. In der Villa Lo bewohnte er ein Zimmer und unterhielt dort auch sein Sommeratelier. Als der Verband Bildender Künstler Rostock die Villa Lo als Ferien- und Arbeitsort für Künstler übernahm, zog Tom Beyer 1963 in die untere Etage des „Drachenhauses“. Zu dem Zeitpunkt bewohnte die Witwe des Schriftstellers und Dramatikers Max Dreyer noch die obere Etage. Als diese 1979 verstarb, zog Peter, der Sohn von Tom Beyer mit seiner Frau Barbara permanent in das Drachenhaus, um es einerseits zu sanieren und Instand zu halten. Andererseits führten sie gemeinsam eine Keramikwerkstatt im Drachenhaus.

Historische Ansichten vom Drachenhaus

Das Drachenhaus gehört zu den Wolgaster Fertigteilhäusern, den ersten Fertighäusern Deutschlands. Errichtet wurde es 1901 für den Schriftsteller und Dramaturgen Max Dreyer, der als „Dichter der Ostsee“ bekannt wurde und 1946 in Göhren verstarb. Seinen Namen erhielt das Häuschen, das Dreyer zunächst als Ferienhaus nutzte, weil die Enden des Dachbalkens in hölzerne Drachenköpfe ausliefen. 1920, nach seiner Eheschließung mit Victoria Frowein, wurde das Haus endgültiger Wohnsitz des kinderlosen Ehepaares. 

Das Drachenhaus im Jahr 2026.

Das Haus befindet sich heute in Privatbesitz. Bis 2018 sollen die Wohnräume des Ehepaares Dreyer noch annähernd in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten gewesen sein, da Bianca Bachmann, die spätere Lebensgefährtin von Peter Beyer, die Wirkungsstätte von Max Dreyer bewahrt wissen wollte. Nach dem Tod von Bianca Bachmann 2017 ging eine Schenkung von Schriften und Bücher an den Förderverein der Mönchguter Museen. 

War Tom Beyer in seinem Sommeratelier in Göhren auf Rügen, malte er draußen. Sein Nachlass, zumeist in privater Hand, ist von beachtlicher Größe. 

Am 9. September 1981 verstarb Tom Beyer in Stralsund. Das Familiengrab befindet sich in Göhren auf Rügen. Bis heute erinnert die Tom-Beyer-Schule an einen Künstler, der das kulturelle Leben der Insel Rügen über Jahrzehnte mitprägte und dessen Werke untrennbar mit der Landschaft des Mönchguts verbunden sind.

Quellen:

1. Hans Ulrich Bauer: Holzhäuser aus Wolgast – Ikonen der Bäderarchitektur, Teil II, Usedom 2011. 

2. Stefanie Büssing: Kunst als Lebensaufgabe, in: Ostseezeitung vom 21.02.2017, unter:  https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/vorpommern-ruegen/stralsund/kunst-als-lebensaufgabe-QHNHXU4X67236WS2W3PKBEEKRA.html?utm_source=chatgpt.com, Stand: 17. Juni 2026. 

3. Tom Beyer, in: DDR-Maler-Lexikon, unter: https://insularugia.de/ddr-maler-auf-den-inseln/, Stand, 19. Juni 2026. 

4. Dr. Hermann Meuche und Christiane Petzhold: Tom Beyer – Gemälde – Aquarelle, Katalog zur Ausstellung des Künstlers anlässlich seines 60. Geburtstages, Putbus 1967.

5. Christian Rödel: Stralsunder Hanse-Galerie präsentiert ungezeigte Bilder von Maler Tom Beyer, in Ostseezeitung, 08. September 2023, unter: https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/vorpommern-ruegen/stralsund/stralsunder-hanse-galerie-praesentiert-ungezeigte-bilder-von-maler-tom-beyer-NKQCLST2LBH75AJ6J3PWVV3DXY.html?utm_source=chatgpt.com, Stand: 19. Juni 2026.