Stolz hinter Glas – die Mönchguter Seelotsen

Wer die historischen Porträts der Mönchguter Lotsen im Seefahrerhaus Sellin betrachtet, dem wird die ungewöhnliche Gestaltung auffallen. Denn es werden hier keine einfachen historischen Fotografien von den Lotsen, ihren Familien und Häusern in Rahmen präsentiert. Die Porträts sind auf Glas gefertigt und mit farbigem Bleiglas eingefasst. Sie erinnern den Betrachter vielleicht an Kirchenfenster oder bürgerliche Erinnerungsbilder und nicht an die typische Familienfotografie der Jahrhundertwende.

Dass die Bilder überhaupt auf Glas entstanden, hängt auch mit der Technik aus den Anfängen der Fotografie zusammen. Bis in die 1880er Jahre war die Glasplatte noch das wichtigste fotografische Medium. In sogenannten Plattenkameras wurden mit lichtempfindlicher Emulsion beschichtete Glasplatten belichtet, auf denen anschließend das Negativ entstand. Erst mit dem aufkommenden Zelluloidfilm verlor die schwere und zerbrechliche Glasplatte allmählich ihre Bedeutung.

Die Mönchguter Lotsen machten aus diesem fotografischen Material jedoch mehr als eine bloße technische Notwendigkeit. Die aufwendigen Fassungen aus farbigem Bleiglas waren um 1900 ein Ausdruck von gehobener Stellung. Eine derartige kunsthandwerkliche Gestaltung musste man sich leisten können. Die Mönchguter Lotsen präsentierten sich damit bewusst als angesehener Berufsstand mit besonderer Verantwortung und gesellschaftlichem Rang. Sie zeigten damit, dass sie nicht nur einfache Fischer der Küste waren. Das entsprach ihrer Stellung auf Mönchgut. Seelotsen verfügten über spezielles nautisches Wissen und begleiteten Schiffe sicher durch die schwierigen Gewässer der Ostsee. Früher bestanden zwischen den Landteilen im Greifswalder Bodden noch Landverbindungen, die jedoch durch Sturmfluten zerstört wurden. Deshalb sind die Gewässer rund um die Insel flach, uneben und vielerorts nur durch schmale Fahrrinnen passierbar.

Aus Aufzeichnungen über das Lotsenwesen geht hervor, dass 1859 drei Oberlotsen fest angestellt waren und zusätzlich noch 24 Lotsen beschäftigt wurden. Der Fiskus stellte ihnen Wohnungen und Dienstgebäude gegen eine jährliche Mietentschädigung von jeweils 50 Mark zur Verfügung. Die begehrten Lotsenstellen gingen häufig vom Vater auf den Sohn über. Es soll auch Anwärter gegeben haben, welche die Witwe des Vorgängers heirateten, um seine Stelle übernehmen zu können.

Die Glasporträts im Seefahrerhaus sind deshalb weit mehr als nur dekorative Erinnerungsstücke. Sie zeigen den Stolz und das Selbstverständnis eines Berufsstandes, der innerhalb der Küstenkultur lange eine besondere Stellung einnahm.Wer heute Lotse werden möchte, muss zuvor als Kapitän zur See gefahren sein.  EinKapitänspatent mit entsprechender Fahrzeit ist Voraussetzung, um sich als Seelotsenanwärter (Aspirant) bewerben.

An der Familie Thiessower Dumrath lässt sich sehr gut die Übergabe des Amtes nachvollziehen:

David Dumrath wird am 30. Dezember 1826 in Thiessow geboren. Er war Seelotse seit 1853 und wurde 1898 pensioniert. Sein Sohn Theodor Dumrath wurde ebenfalls Seelotse in Thiessow und wurde am 1. Juli 1909 Seeoberlotse auf der Insel Ruden.

Abgebildet ist der hier der Seelotse Jakob Wittmiss (1840 -1907)  mit seiner Frau. Sein Sohn Johann Jakob Willhelm Wittmiss (1873 bis 1960) wurde sogar Seeoberstlotse.

Wer mehr über die Entwicklung des Lotsenwesens auf Mönchgut erfahren möchte, sollte unbedingt unsere Ausstellung im Seefahrerhaus in Sellin besuchen.